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Ouvrage | Emile Bollaert und Antoine Mauduit – Zwei prominente französische Gefangene im „KZ auf Schienen“ – un article de Karl Kassenbrock

Karl Kassenbrock

 

Emile Bollaert und Antoine Mauduit – Zwei prominente französische Gefangene im „KZ auf Schienen“

 

Mit dem Chef des innerfranzösischen Nationalen Widerstandsrates und späteren Ehrenpräsidenten der Amicale Dora Ellrich, Emile Bollaert, sowie dem Gründer der Widerstandsgruppe „La Chaine“, Antoine Mauduit, gehörten zwei prominente Franzosen zu den Gefangenen des KZ-Außenkommandos 5. SS-Eisenbahnbaubrigade.

Über die 5. SS-Eisenbahnbaubrigade, eine von 4 SS-Eisenbahnbaubrigaden des KZ Mittelbau[1], war bisher nur wenig bekannt. Es hatte die Aufgabe, nach Luftangriffen der Alliierten die zerstörten Schienenwege im Raum Münster-Osnabrück zu reparieren. So sollte der Nachschub der „Vergeltungswaffen“ V1 und V 2 für die Westfront gesichert werden. Zu den ersten Gefangenen dieses Konzentrationslagers auf Schienen gehörten im Oktober 1944 19 Franzosen, unter ihnen Emile Bollaert und Antoine Mauduit.

« L’homme qui fit basculer Mitterrand dans la Résistance »

Antoine Mauduit hatte im Sommer 1941 unter dem Deckmantel einer sozialen Einrichtung für zurückgekehrte Kriegsgefangene die Widerstandsorganisation La Chaine gegründet. Auf seinem Landsitz, dem Chateau Montmaur (Hautes-Alpes) treffen führende Persönlichkeiten des französischen Inlandswiderstandes zusammen, unter ihnen immer wieder Francois Mitterand, den er zum offenen Eintritt in die Resistance bewegt haben soll.[2] Mauduit ist auch an aktiven Widerstandsoperationen beteiligt. Am 29.1.1944 wird er in Le Saix (bei Veynes) verhaftet. Bemühungen Mitterands, über Mitglieder des Widerstandes einen Weg zur Befreiung Mauduits aus dem Gefängnis La Baumette in Marseille zu finden, schlagen fehl. Mauduit wird im Mai 1944 nach Buchenwald deportiert.

« Représentant du général de Gaulle et délégué du Comité de la libération nationale »

Emile Bollaert war Präfekt des Departements Rhone in Lyon, bevor er die Zusammenarbeit mit dem Vichy-Regime verweigerte und sich unter dem Pseudonym Baudoin dem Widerstand anschloss. Nach der Verhaftung und Ermordung Jean Moulins, des legendären Chefs des innerfranzösischen Nationalen Widerstandsrates (CNR), bestimmt ihn das „Französische Komitee für die nationale Befreiung“ (CFLN) per Dekret vom 1.9.1943 zu dessen Nachfolger.[3] Auf dem Weg zu General de Gaulle nach London gerät Bollaert am 3. Februar 1944 im Sperrgebiet an der bretonischen Küste in deutsche Gefangenschaft. Erst 6 Wochen später erfährt die Gestapo durch einen abgefangenen Kurierbrief der Résistance von seiner wahren Identität.[4] Befreiungsversuche durch den britischen Geheimdienst SOE schlagen fehl. Dabei wird der SOE-Agent Edward Yeo-Thomas von der Vichy-Polizei verhaftet.[5]

Am 15. August 1944 deportiert die Gestapo Bollaert über ihr Gefängnis in Fresnes nach Deutschland in das KZ Buchenwald. Am 3.9.1944 wird er zum Außenlager Dora bei Nordhausen im Südharz überstellt. Bereits 2 Tage später befindet er sich zum ersten Mal wegen einer Entzündung im rechten Fuß im Krankenrevier von Dora.[6]

Hier trifft er auf Antoine Mauduit, der sich bereits seit einigen Tagen  dort befindet.

Im Oktober 1944 gelangen Bollaert und Mauduit mit 17 weiteren Landsleuten in das neu gegründete KZ-Kommando 5. SS-Eisenbahnbaubrigade nach Osnabrück.[7]

Anders als die bis dahin eingesetzten stationären SS-Baubrigaden können die neuen mobilen Eisenbahnbaubrigaden in ihren Schienenfahrzeugen schnell an wechselnde Einsatzorte verlegt werden. Die KZ-Häftlinge sind zu jeweils 24 Mann in französischen Güterwaggons untergebracht. Daneben gibt es Werkstatt-, Magazin- und Küchenwagen, sowie einen „Revierwagen“ zur Versorgung der Verletzten. In den folgenden Wochen sind die Häftlinge unter der Bewachung von ca. 60 SS-Männern vor allem damit beschäftigt, die durch die Luftangriffe der Alliierten unterbrochenen Schienenverkehrswege im Raum Osnabrück, Münster und Rheine wiederherzustellen. Die Bombenschäden an den Eisenbahnanlagen in diesem Gebiet werden so weit beseitigt, dass die Strecken über Nacht zumindest eingleisig wieder befahren werden können. So soll der Nachschub der deutschen Truppen mit den sogenannten Vergeltungswaffen (V1 und V2) von den Produktionsstätten im Harz zu den Abschussbasen an der Westfront von großer Bedeutung gesichert werden. Neben dem Gleisbaukommando gibt es in Osnabrück ein Baukommando, das Behelfsheime errichten muss, ein Stadtkommando, das bei der Trümmerbeseitigung im Südteil der Stadt eingesetzt wird, sowie Bombenräumkommandos,[8] die im Bedarfsfall kurzfristig zusammengestellt werden.

« Bons pour le four crématoire »

Fast alle Häftlinge leiden schon bald unter Erkrankungen auf Grund von Läusebefall, fehlender Hygiene, unzureichender Kleidung (Krätze, eitrige Abszesse, Durchfall- und Lungenerkrankungen) und Mangelernährung. Hinzu kommen Arbeitsunfälle und Verletzungen durch Schläge und Tritte des SS-Wachpersonals und der Kapos und die zunehmenden Bomben- und Tieffliegerangriffe der Alliierten auf die Bahnanlagen.

Auch Bollaert und Mauduit erkranken erneut und werden mit einem ersten Austauschtransport Ende November 1944 von Osnabrück in das KZ Mittelbau zurückgebracht, « bons pour le four crématoire“.[9] Mit Hilfe anderer Franzosen gelingt es ihnen dennoch zu überleben.

Im März 1945 erfahren Bollaert und Mauduit vom Vorrücken der alliierten Truppen über den Rhein nach Osten. Die Gefahr ist jedoch noch nicht vorbei. Die Lagerleitung will auf jeden Fall verhindern, dass die Gefangenen in die Hände der Alliierten fallen, und verlegt sie Anfang April 1945 mit einem der „Evakuierungstransporte“ in das Konzentrationslager Bergen-Belsen. Dort werden sie am 15. April von Truppen der 11. Britischen Panzerdivision befreit.  Gemeinsam organisieren Bollaert und Mauduit die Rückkehr der Deportierten nach Frankreich.

 

« Que de tels souvenirs ne nous laissent jamais indifférents. La Paix, la Liberté sont á ce prix. »

Ende April 1945 ist Emile Bollaert wieder in Paris. Er ist gezeichnet von den Erinnerungen und Strapazen der Lagerhaft, die für ihn der Preis für Frieden und Freiheit sind.[10] Aber schon bald nimmt er seine politische Arbeit wieder auf. Im Juni 1945 ernennt ihn die neue französische Regierung unter General de Gaulle zum Kommissar für das Elsass. 1947 geht er als Hochkommissar der Republik Frankreich nach Indochina und führt dort Verhandlungen mit der Liga für die Unabhängigkeit Vietnams (Viet Minh).[11] Von 1949 bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1960 ist er Generaldirektor des Energieversorgungsunternehmens CNR[12] in Lyon. Emile Bollaert stirbt mit 87 Jahren am 18.5.1978 in Paris. Heute tragen Straßen in Dünkirchen, Lyon und Paris seinen Namen.[13]

 

Antoine Mauduit  erreicht auf dem Rückweg nach Frankreich am 29.4.1945 sein erstes Etappenziel, die etwa 100 km westlich von Bergen-Belsen gelegene niedersächsische Kleinstadt Sulingen. Im Verlauf des Tages hat sich Mauduits Zustand rapide verschlechtert. Der völlig erschöpfte Kranke leidet unter einer Lungen- und Rippenfellentzündung. An eine Weiterfahrt ist für ihn nicht zu denken. Seine Kameraden bringen ihn in das provisorische „Französische Reserve Lazarett“ in der Turnhalle von Sulingen, in dem bereits zahlreiche kranke KZ-Gefangene behandelt werden. [14] Eine effektive Versorgung seiner Krankheiten ist hier jedoch kaum möglich. Antoine Mauduit stirbt am Mittwoch, den 9. Mai 1945, nachmittags um 15.30 Uhr.[15] Es ist der Tag nach dem Sieg der alliierten Truppen über Hitler-Deutschland.

Seine letzte Ruhe findet Antoine Mauduit am 9. Oktober 1949 in einem Grab auf dem Hügel St. Philoméne bei Montmaur.

Am 20.August 1986 besucht der Präsident der Französischen Republik, François Mitterand, das Schloss Montmaur. Vor dem Gedenkstein zu Ehren Antoine Mauduits drückt er seine Bewunderung für ihn mit den Worten aus:

 

Ich habe in meinem ganzen Leben keine fünf Menschen mit solch einer Ausstrahlung getroffen.“[16]

 

[1] Ab Januar 1945 unterstanden alle insgesamt 9 SS-Eisenbahnbaubrigaden als Außenkommandos dem KZ Sachsenhausen

[2] Der französische Historiker und „Nazijäger“ Serge Klarsfeld, der Sohn Arno Klarsfelds, behauptet dies in einem offenen „Brief an Francois Mitterand“ , veröffentlicht  am 12.9.1994 in der Tageszeitung Liberátion; vgl.  Klarsfeld, Beate et Serge: Mémoires, Paris 2015, pg.550f

[3] Vgl. Général de Gaulle: Mémoires de guerre, l Unité 1942-1944, Paris 1956

[4] Gilberte Brossolette: „… et Pierre Brossolette emporta ses secrets; Buchauszüge aus „ Il sáppelait Pierre Brossolette…“, in Roger Genebrier: Emile Bollaert; Paris 1980, S.61. Um keinen Verrat begehen zu müssen, stürzt sich Bollaerts Mitgefangener, Pierre Brossolette, am 22.3.1944 aus dem 5.Stock des Pariser Gestapogebäudes in der Avenue Foch 84.

[5] Edward Yeo-Thomas diente Ian Flemming als Vorbild für seine Romanfigur James Bond.

[6] 5.9. – 15.9. Revierkarte; International Tracing Service (ITS) Arolsen; 1.1.27.2 / 2559860

[7] Verzeichnis der Häftlinge der 5. SS-Baubrigade (E); BA B 162/15359, Bl.81 ff und (in etwas besserer Qualität) ITS 1.1.27.1/2532050 ff.

[8] So fordert z.B. die Osnabrücker Luftschutzleitung am 7.12.1944 von der 5. SS-EbBB „die sofortige Gestellung von 15 KZ-Strafgefangenen zur Freilegung von Blindgängern“.; Staatsarchiv Osnabrück, Dep 3b XIX Nr.132 (Angriff vom 6.12.1944)

[9]Vorwort Emile Bollaert vom 16.1.1946 in Frere Birin (Alfred Untereiner): 16 Mois de Bagne, Reims 1946. Untereiner war bis Anfang November 1944 Mitarbeiter der Arbeitsstatistik in Mittelbau-Dora, konnte jedoch die Abordnung seiner französischen Kameraden in das Außenkommando nicht verhindern.

[10] Vgl. L´hommage Emile Bollaert; n° spécial de la revue « Administration », Impr. Municipale, Paris 1980, pg 6

[11] Bollaert,Emile: Guerre et Paix en Indochine, Paris 1950.

[12] Président du Conseil d’Administration de la Compagnie Nationale du Rhône. Die CNR produziert Hydroenergie aus der Rhone und  ist nach der staatlich dominierten EDF bis heute der zweitgrößte Stromerzeuger Frankreichs.

[13] Im 19. Arrondissement von Paris ist zudem eine Schule nach ihm benannt.

[14] In einer (unvollständigen) „Liste kranker politischer Deportierter in der Turnhalle in Sulingen bei Bremen“ sind die Namen von 94 Personen, in der Mehrzahl Franzosen, aufgeführt.;  „Liste des Déportés politiques malades au Turnhalle, á Sulingen, prés de Bréme“, in: Bulletin Mensuel d´Amicale des Déportés Politiques et de la Résistance d´Ellrich, Februar 1946, n°  3, pg 6

[15] Bescheinigung über Eintragung eines Sterbefalles, Standesamt Sulingen, Registernummer 101/1945.

[16] François Mitterand,zitiert nach Pean, Pierre: Eine französische Jugend, München 1995 (dtv,deutsche Ausgabe) S.189

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